Assistive Technologien: Hilfsmittel für digitale Barrierefreiheit
Assistive Technologien – auch Hilfstechnologien oder Hilfsmittel genannt – sind Hard- und Softwareprodukte, die Menschen mit Behinderungen dabei unterstützen, digitale Inhalte wahrzunehmen, zu verstehen und zu bedienen. Dazu zählen Screenreader, Braillezeilen, Vergrößerungssoftware und alternative Eingabegeräte, die in Kombination mit Webbrowsern oder anderen Anwendungen eingesetzt werden. Damit diese Hilfsmittel zuverlässig funktionieren, müssen Webseiten und Dokumente technisch kompatibel und nach WCAG 2.2 sowie EN 301 549 strukturiert sein. Für öffentliche Stellen, die BITV 2.0 einhalten müssen, ist die Kompatibilität mit assistiven Technologien eine zentrale Anforderung.
Was sind assistive Technologien
Assistive Technologien sind Hilfsmittel, die Menschen mit Behinderungen den Zugang zu digitalen Inhalten ermöglichen oder erleichtern. Sie werden von Menschen mit Blindheit oder Sehschwäche, Menschen mit motorischen Einschränkungen, Menschen mit Hörbehinderungen sowie Menschen mit kognitiven oder Lernschwierigkeiten genutzt. Viele Menschen sind auf assistive Technologien angewiesen, um Webseiten, Anwendungen und Dokumente überhaupt nutzen zu können. Barrierefreiheit bedeutet daher nicht nur eine angenehme Nutzererfahrung, sondern die Grundvoraussetzung für den gleichberechtigten Zugang zu digitalen Inhalten.
Screenreader
Screenreader sind Software-Programme, die den Bildschirminhalt vorlesen und navigierbar machen. Sie werten die semantische Struktur von Webseiten und Dokumenten aus und geben Informationen über Rollen, Namen und Zustände von Elementen an Nutzende weiter. Screenreader werden vor allem von blinden Menschen und Menschen mit schweren Sehbeeinträchtigungen eingesetzt.
Bekannte Screenreader:
- NVDA (NonVisual Desktop Access): kostenlos und Open Source, Windows
- JAWS (Job Access With Speech): kommerziell, Windows, weit verbreitet in professionellen Umgebungen
- VoiceOver: integriert in macOS, iOS und iPadOS, kostenlos
- TalkBack: integriert in Android, kostenlos
- Narrator: integriert in Windows, kostenlos
Braillezeilen
Braillezeilen sind Hardware-Geräte, die Bildschirminhalte in Brailleschrift ausgeben. Sie arbeiten eng mit Screenreadern zusammen: Der Screenreader liefert die strukturierten Textinformationen, die Braillezeile gibt sie taktil aus, sodass blinde und taubblinde Nutzende die Inhalte ertasten können. Voraussetzung für eine korrekte Ausgabe ist, dass der Quelltext semantisch sauber strukturiert ist und Textalternativen für nicht-textliche Inhalte enthält.
Vergrößerungssoftware
Vergrößerungssoftware wird von Menschen mit Sehschwäche eingesetzt, die Bildschirminhalte mit starker Vergrößerung lesen. Bekannte Programme sind ZoomText (mit integrierter Vorlesefunktion) sowie die in Windows integrierte Bildschirmlupe. Diese Hilfsmittel funktionieren gut, wenn Webseiten flexibel auf unterschiedliche Bildschirmgrößen und Zoomstufen reagieren und keine Inhalte beim Vergrößern abgeschnitten werden – eine Anforderung, die WCAG 2.2 im Erfolgskriterium 1.4.4 (Textgröße ändern) adressiert.
Weitere Hilfsmittel
Neben Screenreadern und Vergrößerungssoftware werden weitere Hilfsmittel eingesetzt:
- Schaltersteuerung: Nutzende mit motorischen Einschränkungen bedienen Computer oder Smartphones über einen oder wenige Schalter statt über Tastatur und Maus.
- Mundmaus und Kopfsteuerung: Alternative Zeigegeräte für Nutzende, die Hände und Arme nicht oder nur eingeschränkt nutzen können.
- Eye-Tracking: Nutzende steuern den Mauszeiger über Blickbewegungen, eingesetzt bei schweren motorischen Einschränkungen.
Was bedeutet das für Webseiten und PDFs
Damit assistive Technologien Webseiten und Dokumente korrekt verarbeiten können, sind semantische Struktur, Alternativtexte und Tastaturbedienbarkeit entscheidend. Überschriften, Listen, Formularfelder und interaktive Elemente müssen mit korrekter Rolle, Name und Zustand ausgezeichnet sein, damit Screenreader diese Informationen auslesen und weitergeben können. Fehlt beispielsweise ein Alternativtext für ein Bild oder sind Formularfelder nicht korrekt beschriftet, entstehen Barrieren, die Nutzende von Hilfsmitteln ausschließen. Für PDF-Dokumente gilt entsprechend, dass Tagged PDF und Lesereihenfolge korrekt gesetzt sein müssen, damit Screenreader und Braillezeilen die Inhalte strukturiert wiedergeben können.
Häufige Fragen zu assistiven Technologien
Welche Screenreader gibt es und welche sind kostenlos?
Kostenlos verfügbar sind NVDA (Windows, Open Source), VoiceOver (macOS, iOS, iPadOS – in das Betriebssystem integriert), TalkBack (Android – integriert) und Narrator (Windows – integriert). JAWS ist ein weit verbreiteter kommerzieller Screenreader für Windows.
Wie teste ich meine Webseite mit einem Screenreader?
Für erste Tests empfiehlt sich NVDA in Kombination mit Firefox oder Chrome unter Windows, da beide kostenlos und gut dokumentiert sind. Wichtig ist dabei nicht nur das Vorlesen von Inhalten, sondern auch die Prüfung der Navigationsreihenfolge, der Beschriftung von Formularen und der Erreichbarkeit aller interaktiven Elemente per Tastatur. Eine strukturierte Prüfung sollte die maschinelle Prüfung mit einem Validator und manuelle Tests mit mindestens einem Screenreader kombinieren.
Was bedeutet „kompatibel mit Hilfstechnologien" in WCAG 2.2?
Richtlinie 4.1 der WCAG 2.2 (Robust) verlangt, dass Inhalte so aufgebaut sein müssen, dass aktuelle und zukünftige Benutzeragenten – einschließlich assistiver Technologien – sie zuverlässig interpretieren können. Das bedeutet konkret: semantisch korrekte Auszeichnung, eindeutige Namen und Rollen für Elemente sowie die korrekte Kommunikation von Zustandsänderungen an Hilfstechnologien.